Die Ausredengesellschaft
Die gesellschaftliche Beschäftigung mit dem Klimawandel existiert seit etwa fünfzehn Jahren. Sie wird dominiert von Nebensächlichem, Missverständnissen und Lebenslügen.
Die These: Wir haben es neben den wirtschaftlichen und politischen Problemen auch mit einer massiven gesellschaftlichen Blockade zu tun.
Naturwissenschaften und Ökonomen haben das Klimawandel-Problem inzwischen ausgiebig untersucht.
Die Sozialwissenschaft dagegen hat kaum erforscht, warum die Gesellschaft das Dreiliterauto jahrelang für die Ausgeburt von Konsumverzicht und Gutmenschentum hielt. Warum normale Produktinnovationen nur unter Kostengesichtspunkten gesehen werden. Warum sich Teile dieser Gesellschaft lieber im heiligen Verteidigungskrieg gegen Energiesparlampen wähnen, statt Klimaschutz, Klimakonsum und Energie-Innovation unaufgeregt in den persönlichen Alltag zu integrieren.
Das Problem: Aufgrund der Erklärung des Klimaproblems zur zentralen Frage der Menschheit werden auch die einfachsten Dinge zur Frage der Weltrettung aufgeblasen.
In Häusern wohnen, die fast keine fossile Energie brauchen. In Autos fahren, die nicht viel Sprit brauchen. Die Überwindung der Energieversorgung mit Kohle- und Atomkraftwerken.
Intelligente Innovation, dezentral und effizient, die auch ohne Klimaproblem erstrebenswert sind. Der Energieausweis hat diesen Innovationen bisher bizarrerweise mehr geschadet als genützt.
Das Ergebnis: Wir leben in einer Ausredengesellschaft, die ein paar grundsätzliche Lebenslügen aufgebaut hat. Oder zugesehen hat, wie andere sie aufgebaut haben.
Ausrede 1: Wir können uns den Klimaschutz nicht leisten.
Wir sind eine reiche, produktorientierte Konsumgesellschaft, in der viele über finanzielle Spielräume verfügen. Selbstverständlich könnten sich viele von uns grünen Strom leisten, selbst wenn er teurer wäre als Kohlestrom.
Oder wird in Deutschland nur schlechter Wein getrunken?
Es ist eine Frage der Produktkultur und Produktpriorität: Käufer von neuen Autos geben im Schnitt 25.000 Euro aus und verbrauchen etwa acht Liter Sprit auf 100 Kilometer. Selbstverständlich können wir Autos für 15.000 Euro kaufen, die fünf Liter brauchen und mit den 10.000 Euro in einen Windpark einsteigen. Ja, aber die arme Autoindustrie muss zumachen oder zumindest Arbeitsplätze abbauen, wenn statt Porsche und Mercedes künftig moderne Autos gekauft werden? Gegenfrage: Interessiert es den Käufer von Flachbildschirmen, wie es der Röhrenfernseherindustrie geht?
Ausrede 2: Man will uns ein schlechtes Gewissen machen.
Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf Gleichgültigkeit gegenüber dem Klima. Interessanterweise fühlen sich aber gerade die, die nicht umweltbewusst agieren, von den Umweltbewussten belästigt und in ihrer "Freiheit" eingeschränkt.
Das "schlechte Gewissen" wird durch die Existenz eines anderen Konsummodells hervorgerufen. Es geht aber nicht ums Gewissen. Es geht nicht darum, dass Ökospießer eine freudlose, also eine sozialistische Welt wollen. Wir sind eine Konsumgesellschaft und wir bleiben eine. Es geht um guten Geschmack, Modernität und Markenbewusstsein. Es geht um die Freude an der Gegenwart, der Zukunft und am Konsum. Niemand will Steinzeitstrom. Niemand will Steinzeit-Autos fahren. Niemand schaut doch heute mit dem Schwarzweißfernseher
Ausrede 3: Technologisch sind wir noch nicht so weit.
Wir warten auf das Wasserstoffauto, wir warten auf saubere Kohlekraftwerke, wir warten auf die Kernfusion und wir warten aufs Christkind.
Dabei sind die Technologien für hundert Prozent erneuerbare Energie und Effizienzsteigerung längst da.
Das Haus, das keine Heizung mehr braucht, das Biogaskraftwerk, das Solardach, die Windturbine, das Minikraftwerk im Keller, die Geothermie und die neuen Speichermöglichkeiten. Alles existiert bereits.
Heute sind die technologischen Optimisten Ökos und die klassischen Technikgläubigen sind plötzlich die Skeptiker. Es gibt ein massives Technologie-Wahrnehmungsproblem.
Das Ignorieren von unspektakulären Lösungen hat Methode.
Ein Beispiel ist das Passivhaus. Es ist Wirklichkeit, interessiert aber die meisten Politiker weniger als das halbseidene Versprechen, eines Tages CO2-freie Kohlekraftwerke bauen zu können.
Ausrede 4: Die Politik muss erst mal
Ja, es handelt sich um Staatsversagen. Die Entwicklung der Kraft-Wärme-Kopplung war eher schleppend, die Verbesserung der Gebäudeeffizienz wurde kaum verfolgt. Die derzeitige Kanzlerin meinte noch in den 90ern, die Erneuerbaren könnten nur wenige Prozent des deutschen Energiemixes ausmachen. Das hatte ihr die Energiewirtschaft eingeredet. Die hat immer noch viele Politiker unter Vertrag. Heute sagen selbst CDU und SPD, dass ein großer Anteil erneuerbar sein kann. Aber dass der Umstieg viel schneller gehen kann. Hessens Schatten-Wirtschafts- und Umweltminister Hermann Scheer (SPD) hat ein Energieprogramm errechnet, das die beiden Atomkraftwerke Biblis I und II binnen kürzester Zeit durch einen dezentralen Mix an Erneuerbaren ersetzen kann.
Unrealistisch, heißt es bei der Koch-CDU und teilweise sogar bei den Grünen. Scheer, sagt Koch, "sei nicht von dieser Welt". In der Tat sei er nicht von der Welt, in der Roland Koch lebe, antwortete Scheer. Wer länger mit Scheer redet, versteht, was er sagen will: Es geht in dieser Welt nicht, weil es Kochs Welt ist, und Koch sagt, dass es nicht geht. Ja, geht es denn doch? "Klar geht es", sagt Scheer.
Ausrede 5: Die Bundesregierung kann nur in internationaler Zusammenarbeit
Wesentliche Entscheidungen fallen in den Landkreisen und Städten: Dort, wo entweder Kohlekraftwerke oder Windräder genehmigt werden. Hier geht es auch um die Chancen regionaler Wertschöpfung. Pro Einwohner fließen pro Jahr 1.000 Euro in fossil-atomare Energien. Das macht in einem Landkreis schon mal 300 Millionen Euro aus, die für den regionalen Wirtschaftskreislauf verloren sind.
Es gibt längst nicht nur Städte, die auf Ökostrom umsteigen, sondern auch Landkreise und Bürgerinitiativen, die eine umfassende Energiewende vollziehen. Zum Beispiel in Bayern die Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen. Ergebnis: Bis 2035 wird man mit hundert Prozent erneuerbarer Energie leben. Deshalb sind die Landratsämter und Kreistage in einer Schlüsselposition.
Ausrede 6: Die Chinesen und die Inder
Seit wann orientieren wir uns an den Chinesen? Noch orientieren sich die Mittelschichten der aufstrebenden Länder an uns. Und das soll auch so bleiben. Wenn wir heute emissionsfrei mit dem Elektroauto fahren, fahren die morgen auch Elektroauto.
Ausrede 7: Ökos sind doof und reden nur daher
Vorsicht. Es bildet sich gerade eine neue Avantgarde, die stilbildend wirken und ihre Mittelschichten mitnehmen kann. Auch gibt es vereinzelt erste Prominente, die Klimakonsum als Bestandteil ihres Lebens über die Medien in andere Schichten hineintransportieren können. Es gibt aber keine intellektuelle, wirtschaftliche, politische oder mediale Elite, die das Thema in das eigene Leben integriert hat und authentisch, glaubwürdig, mit Kompetenz und Begeisterung gesellschaftlich diskutiert und voranbringt. Warum weisen gerade die deutschen Eliten jede persönliche Lebensstilverantwortung zurück?
Diese Eliten argumentieren jederzeit ethisch-moralisch: wenn es beispielsweise darum geht, Hartz IV zu begründen und anderen zu erklären, warum sie sich selbst helfen müssten in einer globalisierten Welt. Geht es aber um ihr eigenes Leben, also Dienstwagen oder Lebensstil, ist plötzlich die persönliche Freiheit eingeschränkt. Selbst wenn das ungerecht sein sollte - im Ergebnis steht: Die bürgerlichen Eliten haben Klimaschutz und Energiewende bisher nicht in ihren Kanon der bürgerlichen Pflichten integriert.
VON MARTIN UND PETER UNFRIED Textquelle: taz.de